Alt-Bundesrat Hans Schaffner: Kampf um die Unabhängigkeit der Schweiz

Ich lernte Alt-Bundesrat Hans Schaffner (Bundesrat 1961 bis 1969) im Zusammenhang mit der „Krise Schweiz - Zweiter Weltkrieg“ Mitte der 90er-Jahren kennen. Damals wurde die Schweiz plötzlich – wie aus heiterem Himmel – auf breiter Front angegriffen, sie habe während des Zweiten Weltkriegs eine unrühmliche Rolle gespielt.

Hans Schaffner verstand die Welt nicht mehr. Er kontaktierte mich, weil er erfahren hatte, dass ich an einem Buch über die ungerechtfertigten Angriffe gegen die Schweiz arbeite (dieses wurde 1998 unter dem Titel „Der Kniefall der Schweiz“ publiziert). Es war die Zeit, als die Schweiz die sogenannte Bergier-Kommission ins Leben rief, die sich „einen Sport daraus machte, die Schweiz in die Pfanne zu hauen“ (Aussage von Dr. Sigi Widmer, des langjähri­gen ehemaligen Stadtpräsident von Zürich und Nationalrats der LdU (Landesring der Unabhängigen)).

Hans Schaffner hatte während des Kriegs als „Leiter der Zentralstelle für Kriegswirtschaft“. eine zentrale Position inne gehabt. Er war einer der Verantwortlichen, die damals den Mut und das Rückgrat hatten, trotz mehrjähriger Umzingelung – vermeint­lich ohne jede Aussicht auf Hilfe – Nazideutschland die Stirn zu bieten. Schaffner schilderte mit beein­drucken­den Worten die ungeheure Zwangslage, in der sich die Schweiz damals befand in ihrem Spagat zwi­schen dem Hass auf Nazi­deutschland einerseits und der Not­wen­digkeit, lebenswichtige Güter importieren zu können (auf Gedeih und Verderb war die Schweiz auf den Import gewisser Rohstoffe angewiesen). Mit sichtlicher Empörung beklagte Hans Schaffner, dass die Bergier-Kommission die Zeitzeugen überging und es nicht einmal für nötig hielt, mit ihm zu sprechen (vgl. dazu „Die zehn Todsünden der Bergier-Kommission; L. Stamm 2003)“

Doch Hans Schaffner leistete nicht nur während des Krieges Erstaunliches. Als die sechs Staaten Deutschland, Frankreich, Italien, Holland, Belgien und Luxemburg in den Römer Verträgen im März 1957 die EWG (Vorgängerin der EU) gründeten, realisierte Hans Schaffner – inzwischen Chef der Schweizerischen Handelsabteilung – sofort, dass die dazu führen könnte, dass die Nicht-Mitglieder diskriminiert werden. Also ergriff er die Initiative, die wirtschaftlich stärksten Nicht-EWG-Mitglieder in die Schweiz einzuladen und an einen Tisch zu bringen (Grossbritannien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Österreich und die Schweiz; die sogenannten „Outer-Six“; Portugal erfuhr davon und beteiligte sich als siebtes Land). Die Bemühungen endeten am 4. Januar 1960 mit der Gründung der EFTA (European Free Trade Association), der europäischen Freihandels-Assoziation mit Sitz in Genf.

Hans Schaffner spielte in einem weiteren Bereich eine wichtige Rolle. Bei der Organisa­tion Gatt (General Agreement of tarifs and trade), der Vorgängerin der WTO (Word Trade Organisa­tion) leitete er – bereits als Bundesrat – sowohl die GATT-Minister-Tagung im Mai 1963, die den Durchbruch in der Kennedy-Runde brachte, ebenso die Sitzung im Juni 1967, an der die Schlussakte unterzeichnet wurde. Auf bewundernswerte Art und Weise vertrat er gegenüber der WTO erfolgreich die Haltung, dass ein Kleinstaat wie die Schweiz zwar stark auf freien Handel angewiesen ist, dass aber die Landwirtschaft von diesem Freihandel ausgenommen werden musste.

Kurz: Mit unglaublicher Weitsicht kämpfte Hans Schaffner erfolgreich während und nach dem Zweiten Weltkrieg für die Eigenständigkeit der Schweiz. Im unausweichlichen Spannungsfeld „Selbständigkeit eines Kleinstaats / mögliches Diktat der heranwachsenden Europäischen Union“ erzielte er bewundernswerte Erfolge. Die heutigen Probleme gleichen de­nen ab 1957 teilweise wie ein Ei dem andern. Man wünschte sich, wir hätten heute Persön­lich­keiten mit seiner Haltung, welche die Interessen der Schweiz auch durchzusetzen vermögen.

NR Luzi Stamm

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